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CORONA-PANDEMIE: Was ist wirklich los in Vietnam?

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Interview mit Prof. Dr. Si Huyen Nguyen, Pham Ngoc Thach University HCMC
Implementierung: Ton That Thong, DĐKP Magazin
(Übersetzt und aktualisiert aus dem Vietnamesischen Original/ Dien Dan KhaiPhong Magazin 16.4.2020)

In der gegenwärtigen Corona-Situation besonders in den westlichen Ländern taucht das Vietnam-Phänomen unter. Die niedrige Zahl der mit Sars-CoV-2 positiv getesteten Menschen in Vietnam und keine Todesfälle bei COVID-19 machen Wissenschaftler auf der ganzen Welt stutzig, sie können diese Zahlen kaum glauben. Vietnam verfolgt im Kampf gegen COVID-19 hauptsächlich eine Politik mit strenger Personenkontrolle und entsprechenden einzelnen Isolations- und Quarantäne-Maßnahmen bei selektiver Durchführung der Sars-CoV-2-Tests. Diese Maßnahmen können angesichts der hohen Dunkelziffer symptomfreier, aber infizierter Menschen sicherlich nicht die alleinige Erklärung dafür sein, dass man die Ausbreitung von COVID-19 damit wirksam unter Kontrolle bringen konnte und kann. In der Tat muss man betonen, dass in Vietnam ein Massensterben wie in Europa und USA nicht stattgefunden hat. Diesbezüglich haben wir ein Gespräch mit Prof. Nguyen von der PNTU HCMC geführt und fanden dabei hoch interessante neue Aspekte, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Im Folgenden ist das Interview mit ihm wiedergegeben.

***

DĐKP: Guten Tag, Herr Professor Nguyen. Zunächst danke ich Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, dieses Interview mit uns zu führen. Würden Sie uns bitte zunächst einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation und die Entwicklung der Corona-Epidemie in Industrieländern wie den USA und Europa geben.

NGUYEN: Bei der regelmäßigen Verfolgung der Entwicklung von COVID-19 in Deutschland, Italien, Spanien, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten ist es sicherlich nicht schwer zu erkennen, dass die COVID-19-Pandemie sich in diesen Ländern mit einer rasend schnellen Geschwindigkeit ausgebreitet hat. Die derzeit hohe Zahl der Todesopfer aufgrund der COVID-19-Pandemie in Europa und den USA wird täglich über die Website der John Hopkins University aktualisiert. Es spiegelt jedoch nicht die medizinische Fachkompetenz dieser Länder wider, sondern vielmehr die Schwierigkeit eines überlasteten Gesundheitssystems, auf solche Situationen adäquat zu reagieren, selbst wenn sie einen hohen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Man muss leider feststellen, dass in den meisten Ländern die Gefährlichkeit dieser Epidemie in den Anfangsphasen unterschätzt wurde. Deutschland gehört nicht dazu. Die Entwicklung der COVID-19 in Deutschland ist bisher gut unter Kontrolle. Die Zahl der Todesopfer in Deutschland ist meiner Meinung nach realitätsnah. Trotzdem zeigt die Zahl der Todesopfer in Deutschland und anderswo jedoch lediglich, dass diese Patienten mit Sars-CoV-2 infiziert waren, aber ob sie tatsächlich an dem Corona-Virus oder mit dem Corona-Virus gestorben sind, ist nicht klar. Denn diese Patienten haben in der Regel eine hohe Komorbidität wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, chronische Herz- oder Lungenerkrankungen oder Erkrankungen, die mit einer Immunschwäche einhergehen. Darüber gibt es bisher keine Untersuchungen. Auf jeden Fall haben die strengen präventiven Maßnahmen, die in der letzten Zeit umgesetzt wurden, insbesondere die Vermeidung von sozialen Kontakte sowie die Einhaltung eines Kontaktabstands von 1,5 bis 2 Metern und hygienische Maßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen, effektiv dazu beigetragen, die Ausbreitung der COVID-19 zu reduzieren.

DĐKP: Wie ist die Entwicklung der Covid-19 in naher Zukunft? Wann können wir mit einer Beendigung der Epidemie rechnen?

NGUYEN: Das Fortschreiten der COVID-19 in verschiedenen Ländern unterscheidet sich vom Höhepunkt der Epidemie in Abhängigkeit von den Maßnahmen, die in dem jeweiligem Land früher oder später zur Eindämmung der Ausbreitung von COVID-19 ergriffen wurden. Die daraufhin abgeleiteten Folgen für die Gesundheit und Wirtschaft für das jeweilige betroffene Land sind im Moment nicht absehbar. Bezüglich der Entwicklung der COVID-19 kann jetzt schon gesagt werden, dass das Fortschreiten der COVID-19, solange ein spezifischer Impfstoff nicht verfügbar ist, nach Meinungen der hiesigen Epidemiologen und Virologen lediglich durch eine erworbene Immunität von etwa 60-70% der Bevölkerung aufgehalten werden kann.

DĐKP: Würden Sie uns sagen, wann ein wirksamer Impfstoff für den Masseneinsatz verfügbar sein könnte?

NGUYEN: Die Impfstoffforschung wird derzeit mit beispiellos schneller Geschwindigkeit vorangetrieben. Dennoch müssen die Impfstoffe letztlich auch mit einer entsprechenden Technologie hergestellt werden, und das alles braucht Zeit. Laut Professor Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité-Universitätsklinik Berlin, könnten wir möglicherweise bis Sommer 2021 mit einem wirksamen Impfstoff für die allgemeine Bevölkerung rechnen.

DĐKP: In der Tat haben wir im Moment keine Impfstoffe. Wir müssen aber trotzdem einen Weg finden, um infizierte Patienten zu behandeln. Gibt es dafür brauchbare Medikamente?

NGUYEN: Tatsächlich gab es bereits experimentell den Einsatz von Medikamenten zur Behandlung von COVID-19 wie z.B. Remdesivir, Chloroquin, Hydrochloroquin, die in vitro Sars CoV-2 wirksam hemmen. Klinisch wurde jedoch Ihre Wirksamkeit bisher nicht bewiesen. Solange es keine evidenzbasierten Studien in diesem Bereich gibt, erfolgt daher jede Behandlung mit diesen Arzneimitteln als Off-Label-Use oder nur in der Forschung für Studienzwecke. Es gibt keine offiziellen Empfehlungen in Deutschland für die Verwendung dieser Medikamente.

Jüngste Studien mit BCG-Tuberkulose-Impfstoffen gegen Covid-19, basierend auf früheren Forschungsergebnissen, zeigen, dass BCG die Virusspiegel bei Patienten senkt, die mit einem SARS-CoV-2 ähnlichen Virus infiziert sind. Die Ergebnisse sind abzuwarten.

DĐKP: Wer gehört zu der Gruppe der gefährdeten Personen und wie ist der mögliche Verlauf einer COVID-19 Infektion?

NGUYEN: In 80% der Fälle ist ein milder Krankheitsverlauf zu beobachten. Es ist keine spezielle Behandlung erforderlich. Es muss darauf hingewiesen werden, dass wir das Verhältnis von symptomatischen zu asymptomatischen Patienten in dieser Gruppe (die sogenannten nicht gemeldeten Fälle) nicht kennen. Laut Professor Kim Woo-Ju, einem südkoreanischen Experten für Infektionskrankheiten, liegt diese Zahl in Südkorea bei etwa 20%, und laut deutschen Experten könnten diese nicht gemeldeten Fälle höher sein. Darüber hinaus befinden sich etwa 15% der Patienten in einem Zustand, der einer klinischen Beobachtung bedarf, 5% der Patienten sind einer intensiven medizinischen Behandlung ausgesetzt. Die Anzahl der Todesfälle variiert derzeit zwischen 3,2% und 12,9% (Verhältnis der Todesfälle zu infizierten Patienten mit positivem Test). Dies ist jedoch ungenau, da die Anzahl der wirklich infizierten Patienten tatsächlich unbekannt ist. Patienten, die schwer krank sind und nicht auf der Intensivstation gerettet werden können, sterben durchschnittlich 3 Wochen nach Beginn der Symptome.

Laut dem Epidemiologen Professor Stefan Willich von der Universität Charité Berlin zeigen die Statistiken über Todesfälle durch COVID-19 (Stand in Deutschland vom 1.4.2020), dass etwa zwei Drittel bei älteren Menschen über 80 Jahren, 30% in der Altersgruppe zwischen 60-80 Jahren und in der Altersgruppe unter 60 Jahren bei 5% aufgetreten sind. Daher sollten die Altersgruppen von Menschen über 60 und insbesondere über 80 Jahre vor einer COVID-19-Infektion besonders geschützt werden. Natürlich gehören auch Menschen mit chronischen Erkrankungen z. B. kardiovaskulären bzw. Lungenerkrankungen oder allgemein verminderter Abwehrkraft zu den Risikogruppen.

DĐKP: Wie beurteilen Sie die Gefährlichkeit von COVID-19?

NGUYEN: Wenn man über die Gefährlichkeit einer Krankheit spricht, müssen zwei Faktoren berücksichtigt werden: die Mortalität und die Folgen der Krankheit. Die derzeitige Zahl der Todesopfer aufgrund der COVID-19-Pandemie gibt in der Tat Anlass zur Sorge und ist weiterhin besorgniserregend, obwohl die derzeit hohe Sterblichkeitsrate in den betroffenen Ländern hauptsächlich in Situationen mit einer Überlastung des Gesundheitssystems einhergeht. In Bezug auf die Folgen der Krankheit bestehen übrigens Hinweise auf eine Reihe möglicher neurologischer, kardialer, gastrointestinaler und Nierenschädigungen, sowie die mögliche Entwicklung einer Lungenfibrose nach einer Lungenentzündung mit Sars-CoV-2; die Nachbeobachtungszeit reicht aber nicht aus, um dies zum jetzigen Zeitpunkt beurteilen zu können. Wie wäre die tatsächliche Zahl der Todesopfer ohne Überlastung der medizinischen Versorgungssysteme? Das kann im Moment niemand beantworten, da der „Kampf gegen das Virus“ noch nicht vorbei ist. Ein interessantes Beispiel ist der Verlauf der COVID-19 in Vietnam, der im Gegensatz zu den westlichen Ländern erstaunlicherweise gar nicht so dramatisch erscheint. Dieses Phänomen sollten wir uns unbedingt unter einem anderen Blickwinkel näher anschauen.

DĐKP: Während Länder mit einer hochentwickelten Gesundheitsversorgung wie die USA, die meisten Länder in Europa und auch viele Länder in Asien, eine sehr hohe Anzahl von infizierten Menschen zu verzeichnen haben, gibt es in Vietnam bei begrenzter medizinischer Versorgung bis zum heutigen Tag 25.4.2020 lediglich 270 positiv getestete bzw. infizierte Menschen. Wie erklären Sie das?

NGUYEN: Für mich waren manche Maßnahmen nur schwer verständlich: trotz direkter Nachbarschaft zu China war die Grenze nicht wirklich geschlossen, in der Zeit des bekannten Krankheitsausbruchs in Wuhan gab es weiterhin normalen regelmäßigen Flugverkehr von Wuhan, Südkorea und Japan nach Vietnam. Vietnam hat natürlich strenge Personen-Kontrollmaßnahmen durchgeführt, kann aber aufgrund der hohen Dunkelziffer (nichtgetestete Infizierten mit oder ohne Symptome) selbstverständlicher Weise nicht alles unter Kontrolle haben.

Was in Europa passiert, zeigt, dass sich die COVID-19-Infektion sehr schnell ausbreiten kann.
Theoretisch gibt es in Vietnam keinen Grund, warum sich die COVID-19-Ausbreitung anders verhalten sollte. Mit geographischer Nachbarschaft zu China, ausgiebigen Handels- und sozialen Kontakten und einem Massentourismus aus China, lagen in Vietnam sogar ideale Bedingungen für eine schnelle Ausbreitung der COVID-19-Infektion vor.

Aus dieser Überlegung heraus ist davon auszugehen, dass COVID-19 sehr früh nach Vietnam gekommen ist, überwiegend die junge Bevölkerung infizierte und sich so über diese Bevölkerungsgruppen ohne wesentliche Symptome unbemerkt ausbreitete. Verglichen mit der Infektionsgeschwindigkeit in Europa, vor allem in Italien und in den USA, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass seit Dezember 2019 bis heute Millionen Vietnamesen, hauptsächlich junge Menschen, sich mit Sars-CoV-2 infizierten und mittlerweile bereits ausgeheilt sind, was möglicherweise zu einer gewissen breiten Immunität in der Bevölkerung führte und damit in gewissem Maße auch ein natürliches Hindernis für die Ausbreitung von COVID-19 darstellte.

DĐKP: Erlauben mir bitte, Sie zu unterbrechen. Laut epidemiologischer Schätzung würde die Ausbreitung der COVID-19 nur dann abnehmen, wenn eine allgemeine Immunität bei der Bevölkerung die Marke 60-70% erreicht hätte. Für Vietnam wären das dann etwa 50-60 Millionen Menschen. Hätten wir dies in den letzten 5 Monaten erreicht?

NGUYEN: Theoretisch zeigt die rasche Verbreitung von COVID-19 in Europa und den Vereinigten Staaten, dass diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen erscheint, insbesondere bei der hohen Bevölkerungsdichte und einer hohen Mobilität von jungen Menschen im öffentlichen Leben. In Wirklichkeit schätze ich, dass eine Immunität von 30-40% der Bevölkerung in Vietnam – und dies könnte wahrscheinlich die Zahl sein, die der Realität nahe kommt – ausreichen würde, um eine signifikante Reduzierung der Infektionsrate für ältere Menschen, deren Anteil sich derzeit in der vietnamesischen Gesellschaft als relativ klein darstellt, zu erreichen. Die meisten älteren Menschen leben außerdem häufig zurückgezogen, hauptsächlich in der Familie, und nehmen in der Regel auch weniger am öffentlichen Leben teil.

Aus der Dutch Studie aus Niederlanden (Reuters, Word New 16.4.2020) wurde abgeleitet, dass möglicherweise 3% in den Niederlanden bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet haben. Damit liegt die Dunkelziffer bei ca. 500.000, 17-mal höher als die Zahl der positiv getesteten Menschen, die zu dieser Zeit bei ca. 30.000 lag. Ich denke, mit diesen Zahlen, die vermutlich eher noch unterschätzt sind, kann man sich sicherlich vorstellen, wie schnell die COVID-19 in Vietnam mit einem R= 2-3 (Replikationsfaktor von 2-3, d.h. ein Infizierter steckt 2-3 weitere Personen an) sich möglicherweise hätte ausbreiten können, wenn die Infektionsketten nicht erst Ende Januar 2020 – wie in Europa – losgegangen sind, sondern in Vietnam vermutlich viel früher ab etwa Dezember 2019.

DĐKP: Es gibt nicht nur wenige Infektionen, sondern die Zahl der Todesfälle in Vietnam ist Null, was kaum zu verstehen ist. Wie erklären Sie das?

NGUYEN: Die Antwort wird interessant, wenn man das Geschehen unter verschiedenen Blickwinkeln beleuchten würde. Ich würde gerne Deutschland als Beispiel zum Vergleich nehmen. Deutschland hat eine Landfläche und eine Bevölkerungsdichte, die sich nicht wesentlich von Vietnam unterscheidet. Ich möchte zunächst einige wichtige Daten von Deutschland und Vietnam zur Klärung der Situation benennen. Nach Angaben des Robert Koch Instituts, die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention, waren in Deutschland zu diesem Zeitpunkt (25.4.2020) 152.438 Menschen infiziert und 5.500 starben. Der Sars-CoV-2-Test wird in Deutschland bis 19.4.2020 bei 2.072.669 Menschen durchgeführt (RKI). In Vietnam wurden bisher insgesamt etwa 213.000 Tests (Stand 29.4.2020, Wiki) durchgeführt. Diese begrenzte Test-Durchführung führt dazu, dass bei Menschen, die in Vietnam an ihren Grunderkrankungen oder altersbedingt sterben, nicht geklärt ist, ob der Tod mit COVID-19 im Zusammenhang steht oder nicht.

Ich gehe einfach davon aus, dass einige Todesfälle durch COVID-19 darunter zu vermuten sind. In Deutschland hingegen ist der Test bei vielen Menschen positiv, aber dann stellt sich auch die Frage, ob sie an ihren Grunderkrankungen oder an COVID-19 gestorben sind.

Andererseits spielen hier in Vietnam, meiner Meinung nach, zwei Faktoren eine wichtige Rolle, die den Unterschied zwischen der Zahl der Todesopfer in Deutschland bzw. Europa und Vietnam entscheidend beeinflusst haben könnten. Zum einen ist es der enorme Unterschied in den Anteilen der Bevölkerung über 60 Jahre und zum anderen die soziokulturellen Unterschiede zwischen Europa und Vietnam im alltäglichen Umgang miteinander.

DĐKP: Das sind ja interessante Thesen! Könnten Sie es uns diese bitte näher erläutern?

NGUYEN: Wenn wir wissen, dass Menschen über 60 Jahre, wie oben erwähnt, eine erhöhte Letalität bei einer COVID-19-Infektion haben und soziale Kontakte das Infektionsrisiko erhöhen, müssen wir sagen, dass die Menschen in Vietnam einfach “natürliche protektive Vorteile” aus ihrem Alltagsleben gegen COVID-19 haben.

Der erste Vorteil ist, dass der Anteil der Menschen über 60 Jahre in Vietnam ca. 10% (in anderen Berichten beträgt der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre 5,5%) ausmacht, im Vergleich zu Deutschland mit 23,37% daher sehr niedrig liegt. Das Durchschnittsalter der Vietnamesen beträgt 30,9 Jahre, in Deutschland 44,4 Jahre, die Lebenserwartung in Vietnam beträgt 73,6 Jahre, in Deutschland 80,9 Jahre. Die Bevölkerung in Vietnam stieg von 54 Mill. im Jahr 1980 auf 97 Mill. Menschen im Jahr 2020. Es muss hier angemerkt werden, dass aktuell 90% der vietnamesischen Bevölkerung in einer Alterspanne sind, wo Todesfälle bei COVID-19 selten zu verzeichnen sind.

Man kann bei Ländern mit wenigen COVID-19-Todesopfern gewisse Parallelen zu diesem „Phänomen“ in Vietnam erkennen. In Diesen sind ähnliche demographische Strukturen zu verzeichnen, z.B. wie in einem bevölkerungsreichen Land wie Indien.

Der zweite Vorteil ist ebenfalls entscheidend für die Begrenzung der Ausbreitung der COVID-19 in der Gesellschaft und insbesondere für ältere Menschen. Es ist der Unterschied im täglichen Umgangsverhalten zwischen Europäern und Vietnamesen bezüglich körperlicher Distanzierung. So schüttelt man sich hier bei der Begrüßung normalerweise die Hand; Freunde und Familienmitglieder umarmen sich und küssen sich auf die Wangen; offene Gespräche zwischen jungen und alten Menschen sind selbstverständlich. Die Familienerziehung in Vietnam, die unter anderen vom Konfuzianismus beeinflusst wird, führt dazu, den älteren Menschen, insbesondere vor den Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln in der Familie selbst großen Respekt entgegen zu bringen, der mit einer gewissen sozialen, körperlichen Distanzierung verbunden ist. Darüber hinaus spielt das System der Personalpronomina eine wichtige Rolle bei der Förderung einerzusätzlichen sozialenDistanzierung. Die Anrede in der vietnamesischen Sprache zwingt dazu, sein „Ich“ als kleine Geschwister, Kinder oder als Enkelkinder in Kommunikation mit älteren Menschen, und umgekehrt, als großer Onkel, Onkel oder Tante, große Eltern oder Eltern in Kommunikation mit jungen Menschen aufgrund der bis heute immer noch in den meisten Familien und in der Gesellschaft vorherrschenden hierarchischen Strukturen zu positionieren. Offene Gespräche finden zwischen älteren und jungen Menschen in Vietnam seltener statt. Außerdem gehen Menschen in Vietnam in der Regel nach dem 60. Lebensjahr in den Ruhestand, leben eher zurückgezogen im Familienleben, nehmen weniger an Aktivitäten im öffentlichen Leben teil.

DĐKP: Was sollte Vietnam Ihrer Meinung nach jetzt mit der zunehmend komplizierten Situation von COVID-19 tun?

NGUYEN: Vietnam befindet sich nun seit 1.4.20 in einem Zustand “völliger sozialer Isolation”, wie der Premierminister Nguyen Xuan Phuc verkündete. Diese drastische Maßnahme und die zuvor gezielten Screening-, Test-, Überwachungs- und Quarantänemaßnahmen haben sich nicht nur in Vietnam, sondern auch in vielen anderen Ländern als wirksam erwiesen die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen. Diese Zeit könnte dazu genutzt werden, die Infektionsquellen zu identifizieren und mit konsequenter Verfolgung der Infektionsketten, Isolierungs-, Überwachungs- und Quarantänemaßnahmen erneut effektiv zu bekämpfen.

Die Schwierigkeit für viele Länder besteht derzeit darin, aus dieser Situation rechtzeitig herauszukommen, zu normalen gesellschaftlichen Aktivitäten zurückzukehren, sodass sich die Wirtschaft bald erholen und ein erneuter schwerer COVID-19-Ausbruch dennoch verhindert werden kann.

Bisher wissen wir nicht, wie viele Menschen tatsächlich infiziert worden sind. Berechnungen, die auf Vorhersagen ohne dieses Wissen basieren, sind ungenau. Um diese Situation besser zu klären, ist es daher wichtig, breite Untersuchungen mit Antikörpertests durchzuführen, um den aktuellen Immunstatus gegen Sars-CoV-2 und somit das Ausmaß der Infektion besser zu erfassen.

DĐKP: Wir wissen, dass Deutschland die Absicht hat, demnächst Antikörpertests in der breiten Bevölkerung durchzuführen. Würden Sie uns bitte die Bedeutung einer solchen Testung erklären?

NGUYEN: Unter normalen Bedingungen ist bei der SARS-CoV-2-Infektion anzunehmen, dass der Mensch, laut RKI durchschnittlich 7 bis 14 Tage nach der Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus als immun gegen diese Erkrankung zu betrachten ist, da in dieser Zeitspanne ausreichende Antikörper gegen das Virus gebildet worden sind. Ein positiver Antikörpertest bedeutet, dass man die Krankheit bereits durchgemacht und nun eine ausreichende Immunität gegen diese Erkrankung entwickelt hat. Die Ergebnisse der Antiköpertests würden uns zu zwei Situationen führen können:

  1. Wenn der Immunstatus bei der Bevölkerung niedrig ist, ist dies eine Warnung, dass die Infektion erneut auftritt, wenn die Maßnahmen zur Begrenzung der sozialen Exposition nicht mehr streng sind. Dies ist auch die Zeit, in der Regierung und Gesundheitsexperten gemeinsame Maßnahmen ergreifen müssen um die Risiken abzuwägen, mit dem Ziel die Gesundheit der Menschen zu schützen, ohne dass die Wirtschaft in eine Rezession gerät.
  2. Wenn der Immunstatus bei der Bevölkerung hoch ist: Dies wäre eine vernünftige Erklärung für die von uns vorgebrachten Hypothesen: COVID-19 müsste sehr früh in Vietnam angekommen sein, hätte sich unter jungen Menschen sehr schnell ausgebreitet, sodass sie durchschnittlich 7-14 Tage später immun gewesen wären. Die erworbene Immunität, die sich so unter vielen jungen Menschen ausbreitet, stellt wiederum ein natürliches Hindernis für die weitere Ausbreitung von COVID-19 dar. Unter diesen Bedingungen könnte man unter bestimmten Voraussetzungen normale soziale Aktivitäten wieder zulassen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass COVID-19 damit beseitig worden ist, sondern zeigt nur, dass das Infektionsniveau allmählich abnimmt und unter Kontrolle ist. Daher müssen Maßnahmen zur Begrenzung der sozialen Exposition weiterhin strikt eingehalten werden z. B:

. Kontakt mit Abstand auf 1,5-2 m (besonders gegenüber älteren Menschen).
. Hygienische Maßnahmen mit häufigem Händewaschen
. Das Tragen von (nicht medizinischen) Masken ist dann besonders effektiv, wenn möglichst viele Menschen diese Masken tragen, insbesondere in geschlossenen Räumen. Alltags-Masken können insbesondere Risikogruppen und Ältere in gewissem Umfang dadurch schützen, wenn der Maskenträger unbemerkt selbst infiziert, aber symptomarm oder symptomfrei ist. Das Wichtigste jedoch ist und bleibt auch mit Alltagsmasken das Einhalten des o.g. Kontaktabstands!

Laut Prof. Drosten, Virologe an der Charité-Universität Berlin, ist davon auszugehen, dass in den nächsten 6-8 Wochen Antikörpertests zur allgemeinen Untersuchung in Deutschland verfügbar sein könnten. Ein Problem, das in Betracht gezogen werden muss, ist eine mögliche Kreuzreaktion mit anderen Coronaviren früherer Erkrankungen.

Es besteht außerdem die Möglichkeit Antikörper-Serum für eine passive Immunisierung von den Menschen zu gewinnen, die nach COVID-19 immun geworden sind.

DĐKP: Bevor wir dieses wirklich interessante Gespräch mit Ihnen beenden, wären wir Ihnen für eine kurze Zusammenfassung sehr dankbar. Welche Messages würden Sie gern für Vietnam ganz zum Schluss jetzt noch mitgeben wollen?

NGUYEN: Zunächst einmal bin ich der DĐKP sehr dankbar, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, mit ihnen und Ihren Lesern über COVID-19 zu sprechen. Meiner Meinung nach lässt der Verlauf von COVID-19 in Vietnam die Erkrankung zumindest in diesem Land in einem etwas anderen Licht erscheinen, das einen Optimismus zuzulassen scheint in diesem manchmal hoffnungslos erscheinenden Kampf gegen COVID-19.

Die bisher erzielten Erfolge im Kampf gegen Covid-19 in Vietnam sind einerseits zweifellos das Ergebnis der Bemühungen der vietnamesischen Gesundheitsbehörde, die vergleichsweise mit erheblich beschränkten Mitteln operieren, andererseits aber auch auf in diesem Zusammenhang unerwartete Faktoren zurückzuführen: die durch vergangene Kriege entstandene demographische Struktur und die ohnehin durch traditionelle Verhaltensweise bedingte soziale, insbesondere körperliche Distanzierung im täglichen Umgang.

Ein letzter Punkt, über den ich sprechen möchte und der mir sehr am Herzen liegt, ist folgender: Im Zustand der “vollständigen sozialen Isolation” im Kontext der vietnamesischen Gesellschaft mit großem Familienleben, drei Generationen im selben Haus, ist das Risiko der Ausbreitung der Infektion in der Familie, insbesondere für ältere Menschen, enorm. Die Zahl der infizierten asymptomatischen jungen Menschen in einem dicht besiedelten Land wie Vietnam ist nach wie vor sicherlich nicht gering. Unter diesen Bedingungen wäre eine Ansteckungsgefahr für Familienmitglieder bedenklich erhöht, wenn auch die Inzidenz der COVID-19-Übertragung in der Familie nach einer Untersuchung aus Deutschland überraschenderweise lediglich 15% beträgt. Dennoch ist es äußerst wichtig, die Hygiene zu wahren, hauptsächlich häufig die Hände zu waschen und den Kontaktabstand (1,5 bis 2 m) einzuhalten, insbesondere gegenüber älteren Menschen, im täglichen Leben als auch innerhalb der Familie, Familien sollten sich dies regelmäßig bewusst machen.

ĐĐKP: Im Namen der Leser bedanken wir uns herzlich bei Ihnen.

***

Prof. Dr. Nguyen Si Huyen ist derzeit der Koordinator für die Ausbildung der Studierenden der Vietnamese German Faculty of Medicine (VGFM) im Praktischen Jahr im Klinikum Braunschweig, Klinikum Wolfsburg, Klinikum Wolfenbüttel und im Herzogin Elisabeth Hospital Braunschweig. Die VGFM ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGUM) und der Pham Ngoc Thach University (PNTU) Ho Chi Minh City (HCMC) und wurde am 30. März 2013 in HCMC gegründet. Sie wird als „jointventure“ in HCMC in Vietnam betrieben. Die Studierenden der VGFM studieren Medizin nach dem Curriculum der JGUM und absolvieren die gleichen Prüfungen des IMPP (Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen) wie bei ihren deutschen Studierenden. Es ist das erste medizinische Studium in Vietnam, das ein äquivalentes deutsches Medizinstudium hat.

Foto: Peter Sierigk

Foto: Peter Sierigk

Akademische Feierstunde von 26 Absolventinnen und Absolventen der VGFM PNTU in der Dornse des Altstadtrathauses Braunschweig (BS) am 21.2.2020. V.re. Prof. NM Xuan, Rektor der PNTU, Dr. T. Bartkiewicz, Ärztlicher Direktor des Klinikums Braunschweig, Dr. A. Chandra, ehemaliger medizinischer Direktor des Klinikums Wolfsburg, Dr. H. Köhler, HEH Braunschweig, Prof. GD Kneissl, VGFM, Prof. SH Nguyen, VGFM, Prof. W. Bautsch, Klinikum BS. Eine Veranstaltung des Klinikums Braunschweig und Pham Ngoc Thach University HCMC. Fotograph: Peter Sierigk, StädtischesKlinikum Braunschweig.

 

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Si Huyen Nguyen
Vice Dean of Vietnamese German Faculty of Medicine (VGFM), Pham Ngoc Thach University Ho Chi Minh City (PNTU HCMC), Dương Quang Trung 2, P12, Q.10, Ho Chi Minh City, Vietnam, Website: www.pnt.edu.vn, http://kyvd.pnt.edu.vn/
HELIOS St. Marienberg Hospital, Department of Cardiology, Intensive Care Medicine and Sleep Medicine, 38350 Helmstedt, Germany
President of German Vietnamese Association of Cardiology/Deutsch-VietnamesischerFörderkreisfürKardiologiee.V. (DVFK). E-Mail: dvfk@gmx.de, www.dvfk.org
German office in Germany: Langer Kamp 6, 38350 Helmstedt, Tel. 05351-141471

 

Leserzuschriften:

Professor Wilfried Bautsch:

Ich habe voller Interesse das Interview gelesen, das Prof. Nguyen zu dem Thema „Covid-19 in Vietnam“ gegeben hat. Vietnam hat ja unglaublich niedrige Infektionsraten und bis heute keine Todesfälle an Covid-19 aufzuweisen. Das ist nicht allein durch die immer noch im internationalen Vergleich relativ niedrigen Testzahlen zu erklären. Als Erklärung vermutet Prof. Nguyen, dass Vietnam ganz im Gegenteil bereits sehr früh eine Verbreitung von SARS-CoV-2 durchgemacht hat, die weitgehend unbemerkt blieb, da Vietnam eine vergleichsweise junge Bevölkerung hat (bei der die Erkrankung ja weitgehend mild verläuft) und die ältere Bevölkerung aufgrund soziokultureller Unterschiede im Vergleich zur europäischen Bevölkerung von Kontakten mit jüngeren Erkrankten weitgehend verschont geblieben ist. Bei den gemeldeten Zahlen handele es sich daher nicht um den Beginn dieser Pandemie in Vietnam, vielmehr seien das Spätbefunde in einer bereits großenteils durchimmunisierten Bevölkerung.

Die Erklärung ist sehr originell, in sich schlüssig und sicherlich – sofern sie sich bestätigt – von großer Bedeutung für die internationale Einschätzung der Pandemie. Die weitere Entwicklung der Infektionszahlen in Vietnam ist deshalb von großer Bedeutung. Zudem sollten meines Erachtens auch unbedingt Seroprävalenzuntersuchungen in Vietnam stattfinden, da sich damit die Hypothese doch relativ leicht untermauern bzw. widerlegen ließe.

Institut für Mikrobiologie, Immunologie und Krankenhaushygiene
Städtisches Klinikum Braunschweig gGmbH
Akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover
Chefarzt: Prof. Dr. Dr. Wilfried Bautsch
Celler Straße 38,
38114 Braunschweig/Germany
https://klinikum-braunschweig.de/klinikwegweiser.php?object=contact&id_object=504&parent=1046&parent_object=contact&tab=ueberblick